Start John Michael Greer Überleben ist nicht kosteneffizient
Überleben ist nicht kosteneffizient PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Dienstag, 13. Oktober 2009 um 09:20 Uhr

Ich verstöre meine Leser hoffentlich nicht übermäßig, wenn ich sie auf eine ausgedehnte Expedition durch die wuchernden Urwälder der (auch als „tristen Wissenschaft“ bekannten) Volkswirtschaftslehre mitnehme. In verschiedenen Beiträgen des Archdruid Report in letzter Zeit habe ich ja bereits die Meinung vertreten, dass wirtschaftliche Faktoren eine enorm wichtige Rolle dabei gespielt haben, die industrielle Welt in ihre aktuelle Zwangslage zu bringen, und noch wesentlicher ist ihre Bedeutung als Hindernis für jede Art von konstruktiven Versuch, aus dieser Zwangslage wieder herauszukommen. Es besteht aller Grund zu der Annahme, dass die industrielle Welt nicht zuletzt deshalb untergehen wird, weil die zu ihrer Rettung nötigen Schritte nicht ausreichend kosteneffizient sind.

Wohlgemerkt, diese Aussage kann auf mindestens zwei Arten interpretiert werden, und beide sind für die Krise der industriellen Welt relevant. Wie jede andere Wissenschaft auch besteht die Volkswirtschaftslehre aus einer Reihe von hypothetischen Modellen, die – mehr oder weniger genau – das beobachtete Verhalten der Welt widerspiegeln. Allzu oft werden diese Modelle mit der Wirklichkeit verwechselt, was nicht gerade dem Verständnis dient.

In einem alten Lehrbuch der Elektronik von 1950 heißt es in einem anderen Kontext, dem der Physik von Vakuumröhren: „Die Theorie spricht von Ionen, Atomen und Elektronen und deren Zusammenstöße, aber das sind nur Erfindungen unseres Geistes, Stützen zum besseren Verständnis. […] Das Elektron ist wie das Atom nur ein Konzept; es ist Bestandteil der mentalen Kurzschrift, die wir erfunden haben, um unsere Kenntnisse über die Natur zusammenzufassen. Wenn wir also beispielsweise sagen, dass ein Elektron mit einem Atom kollidiert, sollten wir im Hinterkopf behalten, dass wir einen solchen Zusammenstoß noch nie beobachtet haben. Die Verwendung des Indikativ Präsens macht aus einer Hypothese noch lange keine Tatsache.“ (Partner, P.: Electronics, S. 569) Leider wird eine solche Klarheit des Denkens selten erreicht und noch seltener beibehalten.

Dieser Vorbehalt ist zu beachten, wenn man die ökonomische Dimension des Verfalls und Untergangs der industriellen Zivilisation analysieren möchte, denn auf beiden Seiten der Gleichung – bei den Modellen ebenso wie bei der Wirklichkeit – stößt konstruktives Handeln an Hindernisse, und dies gilt noch mehr für wirtschaftspolitische Maßnahmen, die auf volkswirtschaftlichen Modellen beruhen und auf diese Weise der Wirklichkeit doppelt entrückt sind. Es ist wahr, und dies wird eines der zentralen Themen zukünftiger Blogbeiträge hier sein, dass die heute herrschende volkswirtschaftliche Theorie in zentralen Punkten ihren Bezug zur Wirklichkeit verloren hat, und wenn wir unsere Zwangslage sinnvoll analysieren und konstruktive Gegenmaßnahmen ergreifen möchten, ist eine Revision dieser zentralen Punkte unabdinglich. Es ist ebenso wahr, dass staatliche Maßnahmen, die auf den irregeleiteten volkswirtschaftlichen Vorstellungen von heute beruhen, eine massive Bürde im Kampf gegen die aktuelle Krise bedeuten, und selbst jetzt noch, wo es eigentlich schon zu spät ist, könnten Änderungen bei diesen Maßnahmen enorm segensreiche Wirkungen entfalten. Nichtsdestotrotz kann man der Tatsache nicht ausweichen, das ökonomische Faktoren in der wirklichen Welt, unabhängig von irgendwelchen Theorien, unseren Wahlmöglichkeiten enge Grenzen setzen.

Als klassisches Beispiel dafür kommt man nicht umhin, das Überangebot an Projekten für „Rettungsboot-Gemeinschaften“ oder „Survival-Kommunen“ anzuführen, die in den letzten Jahren propagiert wurden. Die zugrunde liegende Idee erscheint auf den ersten Blick durchaus plausibel: Menschenleben und Wissensbestände zu retten, die vom Verfall und Untergang der Industriegesellschaft bedroht sind, ein Netzwerk von autonomen Gemeinschaften in abgelegenen ländlichen Gebieten zu schaffen, die hinsichtlich Werkzeug und Technologie über die nötigen Mittel verfügen, in schwierigen Zeiten einen einigermaßen ausreichenden Lebensstandard zu gewährleisten. Die Schwierigkeiten beginnen allerdings – wie üblich – spätestens dann, wenn ein Projekt durchgerechnet wird. Die Errichtung einer Rettungsboot-Gemeinschaft des Typs, den ich bisher gesehen habe, würde mindestens 10 Millionen Dollar kosten (in vielen Fällen wahrscheinlich weit mehr), und bis jetzt ist mir noch keine untergekommen, die es ihren Mitgliedern erlauben würde, in den Jahren bis zum endgültigen Verschwinden der Industriegesellschaft diese Summe aufzubringen und dazu noch ihre laufenden Kosten zu tragen.

Ein solches Vorhaben scheint immer auf der unausgesprochenen Annahme zu beruhen, dass sich die Industriegesellschaft samt aller damit verbundenen Steuern, Schulden und sonstigen Kosten unmittelbar, nachdem die unerschrockenen Pioniere ihre solarbeheizten Gemeinschaftswohnanlagen bezogen, die Windräder und Methangeneratoren angeworfen und sich ans Ernten der Baumfrüchte in der nach allen Regeln der Permakultur gestalteten umliegenden Landschaft gemacht haben, in Luft auflöst. So sympathisch diese Vision auch sein mag, muss ich doch leider sagen, dass sie völlig unrealistisch ist. Die Bewohner einer heute gegründeten Rettungsboot-Gemeinschaft müssen nicht nur irgendwie die nicht unbedeutenden Mittel aufbringen, die für den Ankauf des Lands, den Bau der Gemeinschaftswohnanlagen, Windräder usw. und die Anpflanzung der Permakulturlandschaft erforderlich sind, sie müssen außerdem noch während des langen Übergangs von der Welt, in der wir heute leben, zu den Verhältnissen, die am Ende des Verfalls dieser Welt herrschen werden, ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ein gewisses Bewusstsein für diese Schwierigkeiten ist in der Regel ausreichend, um sich klarzumachen, warum man die Rettungsboot-Gemeinschaften, die aus der großen Zahl der in den letzten beiden Jahrzehnten vorgeschlagenen Projekte tatsächlich realisiert wurden, an den Fingern eines Fußes abzählen kann.

Wirtschaftliche Zwänge beschränken die zukünftigen Wahlmöglichkeiten auch in mehr globaler Hinsicht. Beispielsweise ist es offenbar der allgemeinen Aufmerksamkeit entgangen, dass die 1973 erschienenen Studie „Die Grenzen des Wachstums“ mit dem darin beschriebenen düsteren Szenario – immer noch die beste (und daher meistgeschmähte) Prognose für den zukünftigen Verlauf der Dinge – auf simplen wirtschaftlichen Grundannahmen beruht. Je mehr sich eine Ressource erschöpft, so heißt es dort, desto höher werden die realen Kosten, um sie dem Wirtschaftskreislauf zuzuführen, denn es muss immer mehr Arbeit und Kapital eingesetzt werden, um eine gegebene Menge der jeweiligen Ressource bereitzustellen; und je stärker dadurch wiederum die Umwelt verschmutzt wird, desto höher steigen in analoger Weise und aus denselben Gründen die Kosten, um die abträglichen Wirkungen dieser Verschmutzung auf öffentliche Gesundheit, landwirtschaftliche Produktivität und andere wirtschaftliche Kernfaktoren zu kompensieren. Diese Kosten müssen durch die aktuelle Wirtschaftsleistung gedeckt werden, sodass weniger und weniger für andere Zwecke zur Verfügung steht, bis schließlich die Wirtschaftsleistung insgesamt zu fallen beginnt und der endgültige Niedergang der industriellen Welt eingeläutet wird.

Nun kann man natürlich, sofern man die wirtschaftliche Dimensionen ignoriert, darauf beharren, dass das Problem auf einfache Weise durch ein massives gesellschaftliches Programm zum Bau von Kernreaktoren, Solarthermiekraftwerken, Algenbiodieselanlagen oder sonstigen Wunderwaffen gelöst werden könnte, und wie nicht anders zu erwarten sind Behauptungen dieser Art in den letzten Jahrzehnten endlos wiedergekäut worden. Das Problem dabei besteht in dem Umstand, dass diese Art von Programmen eine zusätzliche Belastung für eine ohnehin schon schwächelnde Konjunktur darstellt. Jedes solche Programm muss schließlich irgendwie bezahlt werden, und damit meine ich nicht, dass man das Geld dafür auftreiben muss; beim derzeitigen halluzinatorischen Stand der Wirtschaftspraxis bereitet das Herbeizaubern von Geld die geringsten Schwierigkeiten. Nein, bezahlt werden muss es aus der aktuellen physikalisch realen Wirtschaftsleistung, die wesentlich weniger flexibel ist und deren Ertrag bereits für die steigenden Kosten der Ressourcenerschöpfung und Umweltverschmutzung herhalten muss. Dies ist die in den Grenzen des Wachstums versteckte Falle – sobald diese Grenzen erst begonnen haben, ihre Wirkung zu zeigen, ist die Kapazitätsreserve der Wirtschaft, die zu ihrer erfolgreichen Überwindung nötig wäre, einfach nicht mehr vorhanden.

Unsere Lage ist also von systembedingten Grenzen gekennzeichnet, die ihre Ursache in den unflexiblen Realitäten um uns herum haben, und wir sind bereits so weit über diese Grenzen hinausgeirrt, dass es am Zahltag ein böses Erwachen geben wird. Gleichzeitig aber gibt es andere Kräfte, die uns in dieselbe Richtung stoßen und bei denen es sich um das Produkt volkswirtschaftlicher Missverständnisse und deren Umsetzung in wirtschaftspolitische Maßnahmen handelt. Wenn diese Missverständnisse schnell genug beseitigt würden, könnte dies immer noch einen Unterschied machen.

Ressourcenerschöpfung und Umweltverschmutzung, die treibenden Kräfte hinter dem in „Die Grenzen des Wachstums“ beschriebenen Szenario, gehören zu den leidigsten Streitfragen der heutigen Volkswirtschaftslehre. Wie wir gesehen haben, bewirken beide Faktoren Kosten für die Wirtschaft, und dies in potenziell drastischer Höhe. In der aktuellen Wirtschaftsordnung können diese Kosten allerdings nicht den Nutznießern der betreffenden Aktivitäten auferlegt werden. Der Besitzer einer Ölquelle zieht den wirtschaftlichen Nutzen aus der Förderung des darin enthaltenen Öls, aber er muss nicht für die Auswirkungen der Ressourcenerschöpfung in der Zukunft zahlen. (Über viele Jahre hinweg bestand die staatliche Politik in den meisten Industrieländern sogar darin, die Besitzer von Ölquellen für deren möglichst schnelle Erschöpfung zu belohnen und damit den Preis, den die Zukunft für diese Erschöpfung zahlen wird, möglichst in die Höhe zu treiben.) In analoger Weise zieht der Eigentümer eines Fabrikschornsteins, dessen Abgase die Atmosphäre verschmutzen, den Nutzen aus der Verschmutzungsursache, muss aber nicht die Kosten tragen, die durch die Verschmutzung entstehen. Diese Asymmetrie hat mindestens zwei Folgen. Zunächst einmal gibt es natürlich weder für den Eigentümer der Ölquelle noch für jenen des Fabrikschornsteins irgendeinen Anreiz, die negativen Folgen ihrer Aktivitäten zu verringern. Die zweite und in einiger Hinsicht wohl wichtigere Folge besteht allerdings darin, dass die langfristigen ökonomischen Folgekosten von Ressourcenerschöpfung und Umweltverschmutzung nicht in die Berechnung der relativen Wirtschaftlichkeit von Ölquelle oder Fabrikschornstein eingehen.

Die führt zu einer enormen Verzerrung der Art, wie wir die für unser Leben maßgeblichen Realitäten wahrnehmen.  Im Allgemeinen wird ein Geschäftsplan nicht als solide betrachtet – jedenfalls nicht außerhalb der Finanzbranche –, der darauf abzielt, kurzfristig dadurch hohe Gewinne zu erzielen, dass Schulden aufgenommen werden, deren Höhe das Unternehmen mittelfristig in den Ruin treiben. Genau dieses Verhalten aber liegt einem Wirtschaftssystem zugrunde, dass die kumulativen Kosten von Ressourcenerschöpfung und Umweltverschmutzung ignoriert, und dies sogar in einem noch größeren Maßstab. Die zukünftig für die Ausbeutung erschöpfter Ressourcen und die Bekämpfung der Umweltverschmutzung zu tragenden Kosten spielen dieselbe Rolle wie der Schuldendienst für eine übermäßige Kreditaufnahme: Kurzfristiger Reichtum wird mit späterer Verarmung oder sogar Kollaps erkauft.

Garret Hardins berühmter Essay „Die Tragödie der Allmende“ behandelte vor einigen Jahrzehnten eben diese Frage. Hardin zeigte, dass bei der Ausbeutung von Ressourcen, deren Nutzen Einzelnen zukommt, während die Kosten der Ausbeutung von der Gemeinschaft getragen werden, diese Einzelnen durch ihren Wunsch, den eigenen Nutzen zu maximieren, Raubbau an der Ressource betreiben und dadurch langfristig dramatische Verluste erleiden. Seine logische Beweisführung war tadellos, und es gibt zahlreiche Beispiele, bei denen dieser Vorgang einer im wirklichen Leben einer Ressourcenerschöpfung zugrunde liegt, aber Hardins Kritiker haben mit ebensolcher Berechtigung darauf hingewiesen, dass es auf der ganzen Welt und die gesamte Geschichte hindurch zahllose Fälle gibt, in denen Ressourcen, die sich im Allgemeinbesitz befinden, nichtsdestotrotz nachhaltig bewirtschaftet wurden. Die zu stellende Frage muss lauten, was den Unterschied ausmacht.

Dies ist der Moment, in dem das anfangs angesprochene Missverhältnis zwischen den ökonomischen Realitäten und den Modellen, die unsere Gesellschaft dafür einsetzt, diese Realitäten zu verstehen und ihre Auswirkungen vorherzusagen, ins Spiel kommt. Harding hatte ganz recht damit, dass Ressourcenerschöpfung eine notwendige Konsequenz des Umstands darstellt, dass eine Ressource von Einzelnen genutzt wird, ohne dass diese einen angemessenen Anteil an den Kosten der Ausbeutung tragen müssen.  Jene Gesellschaften, die Ressourcen, die sich im Allgemeinbesitz befinden, nachhaltig bewirtschaften, mussten also Wege finden, um die Nutznießer der Ressourcenausbeutung ausreichend an deren Kosten zu beteiligen. Anders ausgedrückt wird beim kollektiven Verständnis von Wirtschaft in diesen Gesellschaften und den gesellschaftlichen Maßnahmen zur Lenkung des Wirtschaftslebens die Tragödie der Allmende berücksichtigt, und die für den wirtschaftlichen Austausch geltenden Gesetze und Bräuche werden entsprechend angepasst.

Auf dem Weg, der uns immer weiter von den Überflussgesellschaften der ersten Hälfte des Industriezeitalters zu dem, was ich die Mangel-Industriegesellschaften der kurz- und mittelfristig zu erwartenden Zukunft genannt habe, ist es absolut nicht ausgeschlossen, dass solche Anpassungen auch für unsere Gesellschaften eingeführt werden können.  Die Fehler der Vergangenheit haben Bürden aufgetürmt, deren Gewicht die Zukunft so schwer belastet, dass auch Änderungen dieser Art nicht uns nicht vor jeder Menge Aufruhr und Leid bewahren werden; aber es ist absolut möglich, dass ein Wechsel zu vernünftigeren Maßnahmen, die auf der Grundlage realistischerer Vorstellungen über die Wirtschaft durchgeführt werden, den Niedergang des Industriezeitalters abfedern und die Zuweisung von Ressourcen an Projekte erleichtern können, die irgendetwas Gutes bewirken, anstatt Maßnahmen zu verfolgen, die – wie beinahe die gesamte derzeitige Wirtschaftspolitik der industriellen Welt – alles nur noch schlimmer machen.

 

17. Juni 2009

(Originaltext, deutsche Übersetzung © Bernd Ohm 2009)

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