Start John Michael Greer Die Deindustrialisierung der Industriegesellschaft: eine pragmatische Reaktion
Die Deindustrialisierung der Industriegesellschaft: eine pragmatische Reaktion PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: John Michael Greer   
Freitag, 31. Oktober 2008 um 10:28 Uhr

Durch das Eintreten des Hubbert-Maximums und den damit beginnenden, lang anhaltenden und unvermeidlichen Rückgang der Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe (und damit auch vieler anderer Ressourcen) sieht sich die moderne industrielle Zivilisation mit einer Reihe von ebenso schmerzhaften wie unerwünschten Transformationen konfrontiert. Dies kann nur für den eine Überraschung darstellen, der prinzipiell keinerlei Interesse für das Zeitgeschehen aufbringt. Vor mehr als dreißig Jahren machte der Club of Rome in seiner bahnbrechenden Studie „Die Grenzen des Wachstums“ klar, dass eine auf Wunschträumen vom ewigen Wachstum basierende Weltwirtschaft, sofern nichts unternommen würde, irgendwann zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts in katastrophaler Weise an die physischen Grenzen eines endlichen Planeten stoßen würde.

Das einundzwanzigste Jahrhundert hat nun begonnen, es wurde nichts unternommen, und die Folgen treten ein wie nach Fahrplan. Der Weg, auf dem die Industriegesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit transformiert worden wäre, wurde letztendlich nicht beschritten. Was bleibt, ist die Frage, was wir in der beschränkten Zeit, die uns noch bleibt, unternehmen sollen.

 

Das Versagen der Politik

Es gibt verschiedene pragmatische Ansätze, wie wir den harschen Realitäten unserer Situation zum aktuellen Zeitpunkt begegnen können. Das Problem besteht darin, dass viele davon der Intuition widersprechen und geradezu eine Beleidigung von sehr tief sitzenden Einstellungen auf allen Seiten des politischen Spektrums darstellen.

Als Erstes muss man begreifen, dass Vorschläge für eine das ganze System betreffende, von oben initiierte Wende – also beispielsweise die Frage, wie man die Regierung dazu bringen kann, die Probleme konstruktiv anzugehen – nur Zeitverschwendung sind. Diese Art von Wandel wird nicht funktionieren. Es geht dabei nicht einfach darum, wer gerade an der Macht ist, obwohl es hier natürlich graduelle Unterschiede gibt. Der entscheidende Punkt liegt darin, dass jeder, der Änderungen in einem Umfang vorschlüge, der den Problemen wirklich angemessen wäre, politischen Selbstmord beginge.

Im Großen und Ganzen befinden wir uns in der folgenden Lage: Unsere Gesellschaft verlangt – sowohl absolut als auch pro Kopf – eine Energiezufuhr, deren Höhe in jedem Fall nur noch über einen mehr oder weniger kurzen Zeitraum aufrechterhalten werden kann. Nachhaltige Energiequellen können nur einen kleinen Teil der Energie liefern, von der wir gewohnt sind, sie aus fossilen Quellen zu beziehen. Anders gesagt: Eine immer weiter schrumpfende Versorgung mit fossilen Treibstoffen bedeutet für jeden von uns, dass er nur noch einen kleinen Teil der Energie nutzen kann, die er bis jetzt als selbstverständlich angesehen hat.

Mit einer solchen Aussage macht man sich natürlich nicht sonderlich beliebt. Es gibt heute nicht wenige Stimmen, die insistieren, dass sie nicht wahr sei, dass wir unsere derzeitige verschwenderische, energieaufwändige Lebensweise bis in alle Unendlichkeit fortsetzen könnten, indem wir vom Öl zu irgendeiner anderen Energiequelle wechseln: Wasserstoff, Biodiesel, abiotisches Öl, Fusionsenergie, „freie Energie“ aus dem „Fluidum“ und so weiter und so fort, die ganze Reihe der Wundertechnologien und Scharlatanerien durchdekliniert. Lähmende Schwierigkeiten bei der massenhaften Umsetzung und die enormen Probleme, eine erdölbasierte Zivilisation schnell genug auf einen anderen Treibstoff umzustellen, bevor es zu spät ist, stehen solchen Projekten im Wege, finden aber in den Medien wenig Beachtung. Wenn wir uns unendliche Mengen an Energie nur stark genug wünschen, so scheint hier die Logik, wird das Universum sie uns schon irgendwie geben. Das Problem ist hierbei, dass das Universum uns diesen Wunsch ja längst erfüllt hat – in Form ungeheurer Lagerstätten fossiler Treibstoffe, in denen Jahrhundertmillionen von Jahren an photosynthetischer Energie gespeichert sind –, wir dieses Geschenk aber vergeudet haben. Jetzt finden wir uns in der Lage eines Lotteriegewinners wieder, der in wenigen Jahren Millionen verschleudert hat und dem langsam das Geld ausgeht. Die Chancen, erneut einen ähnlich großen Jackpot zu knacken, sind verschwindend gering, und kein noch so sehnsuchtsvolles Wunschdenken wird es dem Lottokönig ermöglichen, seinen derzeitigen Lebensstil als Hilfskoch in der Bratwurstbude um die Ecke zu halten.

Wir – und damit meine ich die Bewohner der gesamten industriellen Welt – müssen uns auf einen Übergang zum Lebensstil der Dritten Welt einstellen. Es gibt keinen Grad an Schönfärberei, die diesen sehr hässlichen Ausblick übertünchen könnte. Fossile Treibstoffe haben es des meisten Bewohnern der industriellen Welt ermöglicht, ein Leben frei von harter körperlicher Arbeit zu führen und in einer Flut von meist überflüssigen Konsumgütern und -dienstleistungen zu schwelgen. Im Verlauf der weiteren Erschöpfung der fossilen Treibstoffe wird all das notwendigerweise verschwinden. Wie viele Menschen sind bereit, sich auf solche Gedankengänge einzulassen? Präziser ausgedrückt, wie viele Menschen würden einem Politiker oder einer Partei ihre Stimme geben, dessen oder deren Programm daraus bestünde, einen solchen Wandel sofort und freiwillig herbeizuführen, um den totalen Zusammenbruch weiter in der Zukunft zu verhindern?

John Kenneth Galbraith hat ein brillantes, beißend scharfes Buch namens „Die Herrschaft der Bankrotteure“ geschrieben, in dem er Gründe dafür anführt, warum Amerika unfähig zum strukturellen Wandel ist. Er vergleicht die heutige politische Klasse Amerikas (die Bürger, die zur Wahl gehen und sich politisch betätigen) mit der französischen Aristokratie vor der Revolution. Jeder wusste, dass die Situation nicht haltbar war und dass es irgendwann knallen würde, aber der unmittelbar zu zahlende Preis dafür, irgendetwas dagegen zu tun, war so unappetitlich hoch, dass es alle dabei beließen, nichts zu tun, und zu hoffen, dass sich alles schon irgendwie regeln würde. In genau derselben Lage befinden wir uns hier und heute.

Es mag also einen gewissen Reiz haben, Wunschträume von umfassenden staatlichen Programmen zu hegen, die uns aus unserer derzeitigen misslichen Lage befreien, aber solche Wunschträume bieten keine praktikable Antwort auf die Erfordernisse der Zeit. Wir müssen damit anfangen, uns einzugestehen, dass als wahrscheinlichste Folge der derzeitigen Situation ein Zusammenbruch eintreten wird: in der Terminologie des Club of Rome ein „anhaltender, gleichzeitiger, unkontrollierter und unumkehrbarer Rückgang bei Bevölkerung, industrieller Produktion und Kapital“.

Apokalyptische Phantastereien

Ist dies aber einmal ausgesprochen, gleiten die meisten Menschen, die solcherlei Schlüsse nicht von vornherein ablehnen, unmittelbar in irgendeine Art von apokalyptischem Denken ab. Dies ist zurückweisen, und die Geschichte ist in dieser Hinsicht ein besserer Lehrmeister. Zivilisationen brechen nun einmal zusammen. Wie Joseph Tainter in seinem ausgesprochen wertvollen Buch „The Collapse of Complex Societies“ schreibt, ist dies mit eine ihrer berechenbarsten Eigenschaften. Unsere unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von Hunderten früherer Zivilisationen, die ihre natürliche Ressourcenbasis durch übermäßige Nutzung erschöpft haben und in Trümmern untergegangen sind. Wir sind hier mit einem natürlichem Prozess konfrontiert, und wie bei den meisten natürlichen Prozessen kann sein Verlauf durch einen Vergleich mit bekannten Fällen bis zu einem gewissen Grad vorhergesehen werden.

Aber Phantasieprodukte sind oftmals besser zu verdauen als die Realität, und das meiste heute grassierende Weltuntergangsdenken ist ein solches reines Phantasieprodukt. Die unter solchen Christen, die nur oberflächliche Bibellektüre betreiben, verbreitete Vorstellung, dass alle Gläubigen beim jüngsten Gericht in den Himmel „entrückt“ werden, während der Rest der Welt zur Hölle fährt, ist ein Musterbeispiel dafür. Es ist eine notdürftig maskierte Massenselbstmord-Phantasie – wenn man den Kleinen erzählt, dass Oma in den Himmel zu Jesus gekommen ist, wissen die meisten Leute Bescheid –, und es ermöglicht ihnen außerdem, sich selbst vorzulügen, dass Gott sie von den Folgen ihres eigenen Handelns bewahren wird. Wie die Geschichte uns lehrt, ist dieser Glaube so ziemlich das Letzte, auf das man wetten sollte, was ihn aber nicht weniger beliebt macht.

Die Hollywood-Vorstellung eines dramatischen Zusammenbruchs von heute of morgen ist allerdings eine ebensolche Phantasterei, hervorragend geeignet für spannende Drehbücher, aber vollkommen irrelevant für die Art und Weise, wie Zivilisationen wirklich zusammenbrechen. Das Auseinanderfallen einer komplexen Gesellschaft nimmt Jahrzehnte in Anspruch, nicht Tage. Da die Förderung fossiler Treibstoffe nur langsam zurückgehen und nicht plötzlich mit kreischenden Bremsen zum Halt kommen wird, ist die wahrscheinlichste Entwicklung eher ein langsamer Niedergang als ein freier Fall. Zivilisationen kollabieren im Verlauf eines wellenförmig auf- und abgehenden Zusammenbruchs, der immer wieder von örtlich begrenzen Katastrophen unterbrochen wird und dessen Dauer irgendwo zwischen einem und vier Jahrhunderten betragen kann. Es handelt sich aber genauso wenig um einen Niedergang stetiger Art: Zwischen plötzlichen Krisen kommt es zu Perioden relativer Stabilität, der Niedergang weist in unterschiedlichen Regionen unterschiedliche Geschwindigkeiten auf, bestehende soziale, wirtschaftliche und politische Strukturen werden ersetzt – nicht durch das totale Chaos, sondern durch Übergangsstrukturen, die selbst wiederum eine nicht unbeträchtliche institutionelle Stärke gewinnen können.

Kann man dieses Modell auf die augenblickliche Situation anwenden? So gut wie sicher ja. Je knapper Erdöl und Erdgas werden, desto wahrscheinlicher machen es die damit einhergehenden Belastungen, dass Volkswirtschaften ihren inneren Zusammenhang verlieren und politische Systeme sich auflösen. Aber es wird auch weiterhin Öl geben – schließlich weist die Hubbert-Kurve eine Glockenform auf. Weltweit wird vielleicht 2020 immer noch so viel Öl gefördert wie 1980. Dank des Fehlens anderer fossiler Brennstoffe oder der fortgeschrittenen Erschöpfung ihrer Vorräte, einer um das Doppelte gestiegenen Zahl von Menschen und einer in Lumpen daherkommenden Weltwirtschaft wird allerdings ein tiefer Abgrund zwischen Fördermenge und Nachfrage gähnen. Dies wird zu Armut, rasch um sich greifenden Mangel, gestiegenen Sterblichkeitsraten, gesunkenen Geburtenziffern, endemischer Gewalt und Krieg führen. Kein sonderlich erfreulicher Ausblick – aber auch keine unmittelbare Rückkehr in die Steinzeit.

Ebenso der Phantasie zuzuordnen ist die Vorstellungen, man sollte sich am Besten als Survival-Aspirant in irgendeiner isolierten ländlichen Gegend verkriechen, genügend Munition bunkern, um eine Panzer-Division auszurüsten, und dann warten, bis alles vorbei ist. Ich kann mir keinen besseren Beweis dafür vorstellen, dass man heutzutage der Geschichte einfach keine Beachtung schenkt. Eines der am häufigsten auftretenden Phänomene während des Zusammenbruchs einer Zivilisation ist das Versagen der öffentlichen Ordnung in ländlichen Gebieten und das Aufkommen eines Banditentums, dessen Angehörige Jagd auf Dorfbewohner und Reisende machen. Isolierte Survival-Enklaven mit Nahrungs- und Munitionsstapeln wären eine lockende Beute, und man könnte sicher sein, dass sie ins Visier solcher Banditen geraten.

Ebenso fehlerhaft ist die Vorstellung, dass einen das Horten von Edelmetallen den Hortenden irgendwie vor den Folgen des Zusammenbruchs der Industriegesellschaft bewahren würde. Diese Strategie wurde im Verlauf der Geschichte wieder und wieder eingesetzt, und nie hat sie funktioniert. Alle paar Jahre graben beispielsweise Archäologen in Großbritannien wieder ein Gold- und Silberversteck aus, das irgendein reicher Landbesitzer im römischen Britannien während des Zerfallsprozess des Imperiums angelegt hat. Die Funde liegen in der Regel nahe den Ruinen der Villa des Eigentümers, deren Zustand erkennen lässt, dass sie von den Sachsen geplündert und niedergebrannt wurde. Wenn der Wert der eigenen Person aus nichts weiter als gehorteten Waren besteht, dürfte es grob gesprochen eine unendliche Zahl von anderen Menschen geben, die eine Interesse daran haben, den Hort von seinem Eigentümer zu befreien und ihn selbst zu nutzen. Wie viele man auch tötet, es werden immer neue kommen – und irgendwann geht die Munition aus.

Überlebensgemeinschaften

Was ist denn überhaupt praktikabel? Der Schlüssel für eine konstruktive Herangehensweise angesichts des drohenden Zusammenbruchs der Industriegesellschaft liegt darin, als grundlegende Überlebenseinheit weder das Individuum noch die Gesellschaft als Ganzes zu betrachten, sondern die Gemeinschaft. Wir wissen aus der Geschichte, dass lokale Gemeinschaften weiterblühen konnten, während Imperium um sie herum zu Staub zerfielen. Um dies zu erreichen, muss eine Gemeinschaft allerdings drei Eigenschaften aufweisen, von denen alle heutzutage nicht sehr häufig sind.

Als Erstes benötigt eine Gemeinschaft irgendeine Form von lokaler gesellschaftlicher Organisation. Unsere heutige Kultur hier in Amerika hat die meisten Formen von lokaler Organisation verworfen und sie durch eine Massengesellschaft ersetzt, in der es der Einzelne direkt mit gigantischen staatlichen und wirtschaftlichen Institutionen zu tun hat. Diese Entwicklung muss umgekehrt werden. Die jüngsten Bewegungen zur Stärkung der Bürgergesellschaft sind ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn man einer Organisation in der lokalen Gemeinschaft beitritt oder ein solche gründet, hilft man der Gemeinschaft dabei, ein ehrenamtliches Netz der Kooperation und gegenseitigen Hilfe in schwierigen Zeiten aufzubauen.

Eine oftmals vernachlässigte, aber nützliche Ressource sind die alten Bruderschaften – etwa die Freimaurer, Gesellenbruderschaften, die Odd-Fellows oder die amerikanische Farmer-Bruderschaft der Grange –, die einst mehr als 50 Prozenz der erwachsenen Amerikaner zu ihren Mitgliedern zählten. Viele dieser Organisationen bestehen auch heute noch, und sie sind weit weniger exklusiv, als man von außen gemeinhin anzunehmen pflegt. Ein Beitritt zu einer solchen Bruderschaft oder irgendeiner anderen örtlichen Organisation und die Wiederbelebung der Bürgergesellschaft stellen einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zum Aufbau lebenswichtiger Netze der Kooperation und gegenseitigen Hilfe in schwierigen Zeiten dar.

Als Zweites benötigt eine Gemeinschaft in der Abenddämmerung der Industriegesellschaft einen harten Kern von Menschen, die ohne fossile Brennstoffe über die Runden kommen. Eine erstaunlich große Zahl von Menschen, insbesondere Angehörige der gebildeten Mittelschichten, haben keinerlei praktische Kenntnisse, was den Anbau und die Zubereitung von Nahrung, die Herstellung von Kleidung und die Erfüllung anderer Grundbedürfnisse angeht. Eine nicht weniger erstaunlich hohe Zahl sind nicht in der Lage, auch nur die kleinste Strecke ohne die Mitwirkung fossiler Brennstoffe zurückzulegen – und beinahe niemand in der entwickelten Welt kann Feuer machen, ohne Streichhölzer oder ein Feuerzeug aus einer weit entfernen Fabrik zu benutzen. Überlebenstechniken wie der Bio-Gartenbau, Low-Tech-Medizin, einfache Handwerksverfahren usw. müssen jetzt erlernt und geübt werden, da noch Zeit dafür ist. Gleichermaßen wird derjenige, der seinen Verbrauch an fossilen Brennstoffen bereits jetzt drastisch reduziert – zum Beispiel durch den Verkauf des Autos und die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel und des Fahrrads für den Arbeitsweg – besser auf die unvermeidliche Zeiten der Knappheit vorbereitet sein.

Wir leben in einer Prothesen-Gesellschaft, in der die meisten Menschen ihre eigenen angeborenen Fähigkeiten völlig vernachlässigt haben und als Ersatz mechanische Imitate verwenden. Selbst unsere Schulkinder verwenden Taschenrechner, anstatt ordentlich Addition und Subtraktion zu erlernen. All diese Entwicklungen müssen so schnell wie möglich umgekehrt werden. Wer seine eigenen Hände und seinen eigenen Verstand verwenden kann, um Werkzeuge zu machen, Nahrung anzubauen, geringe Mengen an Strom aus Sonne und Wind zu erzeugen und Ähnliches zu vollbringen, wird einen Überlebensvorteil denen gegenüber haben, die dies nicht können. In einer gewalttätigen Zeit sind praktische Kenntnisse eine gute Lebensversicherung – wenn man lebendig nützlicher ist als tot, wird man höchstwahrscheinlich auch am Leben bleiben. Die Piratennester in der Karibik des achtzehnten Jahrhunderts gehörten zu den gesetzlosesten Gesellschaften der Geschichte, aber Ärzte, Navigatoren, Schiffszimmerleute und andere geschulte Handwerker blieben von der überall herrschenden Gewalt verschont, denn alle hatten ein großes Interesse daran, sie am Leben zu lassen.

Als Drittes benötigt eine Gemeinschaft Zugang zu Ressourcen für die Erfüllung der menschlichen Grundbedürfnisse, vor allem Nahrung. In sehr großen Städte zu wohnen, wird im Verlauf des drohenden Zusammenbruchs immer schwieriger werden, und dies vor allem, weil es nicht genügend landwirtschaftlich nutzbare Flächen im durch Transporte erreichbaren Bereich gibt, um die jetzt dort lebende Bevölkerung zu ernähren. Andererseits liegen die meisten amerikanischen Städte von bis zu einer halben Million Einwohnern relative nahe zu landwirtschaftlich nutzbaren Flächen, die notfalls für den intensiven Anbau von Nahrungsmitteln verwendet werden könnten, um eine nach den ersten Phasen des Zusammenbruchs vermutlich etwas reduzierte Bevölkerung zu ernähren. Dazu erforderlich wäre allerdings die Schaffung eines Rahmens für das dafür erforderliche Produktions- und Verteilungssystem.

Glücklicherweise gibt es in den USA dank der Bauernmarktbewegung („Farmers’ Markets“) ansatzweise bereits einen solchen Rahmen. In den letzten zwei Jahrzehnten war im gesamten Land ein erstaunliches Wachstum der Bauernmärkte zu verzeichnen – den letzten Statistiken zufolge, die ich gesehen habe und die schon einige Jahre alt sind, setzen die US-Bauernmärkte 16 Mrd. US-Dollar im Jahr um, und der Großteil dieses Geldes geht an kleine Bauern vor Ort. Ich kenne persönlich Bio-Bauern, die von ihrem Betrieb leben und eine Familie ernähren können, obwohl sie keine großen Flächen bewirtschaften – weil sie ihre Produkte auf den Bauernmärkten verkaufen. Jeder Geldbetrag, der für lokal angebaute und auf einem Bauernmarkt gekaufte Nahrung ausgegeben wird, und nicht für Supermarktware, die um die halbe Welt gereist ist, stellt daher eine Investition in die lokale Nachhaltigkeit und Überlebensfähigkeit dar.

Es gibt eine nicht unbeträchtliche Zahl an anderen, ähnlichen Schritten, die unternommen werden können. Jedwede funktionierende Alternative zur heutigen Energieverschwendung legt das Fundament für die Übergangsgesellschaften des späten 21. Jahrhunderts und letztendlich auch für die nachhaltigen Sukzessionsgesellschaften, die im Nordamerika des 22. und 23. Jahrhunderts langsam entstehen werden. Am Wichtigsten scheint mir der Punkt zu sein, dass man bereits jetzt etwas Konstruktives unternehmen sollte, anstatt der Regierung Pläne zu präsentieren, von denen wir nur zu genau wissen, dass sie ohnehin ignoriert werden, bis es zu spät ist.

Vielleicht bildet ein Gleichnis den geeigneten Schluss für diesen kleinen Aufsatz. Stellen Sie sich vor, sie wären auf einem Ozeandampfer, der geradewegs auf eine deutlich auf der Karte eingezeichnete Felsenuntiefe zusteuert. Die halbe Mannschaft ist stockbetrunken, und die andere Hälfte hat Ihnen auf Ihre Alarmierungsversuche hin mitgeteilt, dass Sie offenbar nicht die leiseste Ahnung von Navigation haben und dass es keinerlei Probleme gibt. Ab einem bestimmten Punkt, dass wissen Sie, wird das Schiff so nahe an den Felsen sein, dass seine Fahrt es dorthin trägt, egal wie sehr der Mann am Ruder auch gegensteuert. Sie sind sich nicht sicher, aber es scheint, als ob dieser Punkt bereits vor einiger Zeit passiert wurde.

Was können Sie tun? Sie können weiterhin an die Tür zur Brücke hämmern und versuchen, die Crew von der sich nähernden Gefahr zu überzeugen. Sie können sich dem Gebetskreis unten in der Kombüse anschließen – die Leute dort glauben, sie müssten nur intensiv genug beten, damit Gott sie vor einem Schiffbruch bewahrt. Sie können zu der Entscheidung gelangen, dass alle Menschen an Bord dem Untergang geweiht sind und sich sinnlos betrinken. Oder Sie können ruhig Ihre Runde unter den anderen Passagieren machen und diejenigen, denen aufgefallen ist, wie die Lage steht (oder die gewillt sind, dass es ihnen auffällt), dazu bringen, die Schwimmwesten aus den Halterungen zu lösen, sich bei den Rettungsbooten zu sammeln, sich um die Leute zu kümmern, die Hilfe brauchen, und auch sonst alles zu unternehmen, um den nahen Schiffbruch so zu überstehen, dass möglichst viel gerettet werden kann.

Ich für meinen Teil plädiere für Letzteres. Möchte irgendjemand eine Schwimmweste?

5. Oktober 2004

(Originaltext, deutsche Übersetzung Bernd Ohm 2008, mit frdl. Genehmigung von John Michael Greer)

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