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Seit mehr als drei Jahrzehnten sollte die Welt eigentlich wissen, dass sich der lange Nachmittag der Industriegesellschaft allmählich seinem Ende zuneigt. 1973 erschien mit „Die Grenzen des Wachstums“, dem wegweisenden Bericht des Club of Rome, die erste von vielen überzeugenden Studien, in denen gewarnt wurde, dass ein ungehindertes Wirtschaftswachstum, sofern keine teuren und politisch unpopulären Schritte unternommen würden, irgendwann zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts in katastrophaler Weise an die physischen Grenzen unseres Planeten stoßen würde. Selbstverständlich wurde keiner dieser Schritte unternommen, und durch das Versagen der politischen Führer ebenso wie ihrer Wähler, Visionen für eine Umkehr zu entwickeln und den entsprechenden politischen Willen aufzubringen, sind die Jahrzehnte nutzlos verstrichen, in denen noch eine wirkliche Umkehr möglich war. Heute leben wir im Schatten dieses Versagens.
Dennoch scheinen die Versuche, aus unserer misslichen Lage klug zu werden, von einer seltsamen Blindheit geschlagen zu sein. Auf allen Seiten der Debatte wird geredet, als ob die Zukunft nur zwei mögliche Formen annehmen könnte: Fortschritt oder Weltuntergang, also entweder bis in absehbare Zukunft alles weiter wie gewohnt oder ein katastrophales Abgleiten in Barbarei und Massensterben. Ob über die Erderwärmung, erneuerbare Energien, die Erschöpfung der Vorräte an fossilen Brennstoffen oder andere Themen diskutiert wird – wie bei einer gesprungenen Schallplatte sind immer wieder dieselben Behauptungen zu hören. Die eine Seite beharrt darauf, dass der unaufhaltsame technische Fortschritt unsere Probleme lösen und uns allen ein besseres Leben bescheren wird, während die andere Seite die Keule der negativen Extremszenarien schwingt und Millionen von Leichen heraufbeschwört. Es sollte eigentlich klar sein, dass dies nicht die beiden einzigen Möglichkeiten sind. Dass es offenbar nicht klar ist, macht eine nähere Untersuchung lohnend.
Die meisten Leute würden wohl stutzig werden, wenn zwei Meteorologen an einem nassen Herbsttag beim Streit über das Wetter des nächsten Tages alle möglichen Prognosen außer einem wolkenlosem Himmel oder einem plötzlichen Schneesturm ignorieren würden. Aber genau diese Art von Unlogik wird bei den Debatten über unsere Zukunft nicht in Frage gestellt. Es ist also von entscheidender Wichtigkeit, die üblichen Thesen einmal beiseite zu lassen und genauer zu untersuchen, was wirklich passiert, wenn eine Zivilisation an die Grenzen ihrer Ressourcenbasis stößt. Das ist in der Vergangenheit schon oft passiert, aber hochdynamische Technologieschübe kamen dabei ebenso selten vor wie plötzliche Zusammenbrüche. Wesentlicher häufiger kommt es zu einem Prozess, den heute niemand in Betracht zieht: einem langsamen Niedergang.
Die historischen Parallelen
Es ist derzeit nicht gerade in Mode, aus der Vergangenheit Lehren zu ziehen. Möglicherweise hat dies nicht wenig mit dem Umstand zu tun, dass die Geschichte uns das ungeschminkte Spiegelbild unserer Torheiten vorhält. Wer sich beispielsweise die Börsenblase von 1929 ins Gedächtnis rufen kann, findet jedes kleine Detail davon wieder im Kaufrausch an den Technologiebörsen der späten 1990er. Dieselben Behauptungen, dass eine neue Art von Wirtschaft und neue Technologien die Gesetze des Konjunkturzyklus überwunden hätten, dieselbe wuchernde Verbreitung neuer Anlageinstrumente (damals Investmentgesellschaften, heute offene Investmentfonds), dieselbe leichtfertige Zuversicht, dass die Aktienkurse in alle Ewigkeit weiter steigen würden und volkswirtschaftliche Fundamentaldaten keinerlei Bedeutung hätten. Man muss nur siebzig Jahre vorspulen, und die Torheiten von 1929 wiederholen sich 1999, und dies unter dem Beifall von Ökonomen, die es nun wirklich besser wissen müssten.
Der Aufstieg und Fall von Zivilisationen bietet dasselbe trostlose Bild, nur im größeren Maßstab. Wir wissen ohne den leisesten Zweifel, was mit Gesellschaften passiert, die sich über die Grenzen ihrer Ressourcenbasis hinaus entwickeln: Sie gehen unter. Clive Ponting dokumentiert in „A Green History of the World“ (1992) Dutzende vergangener Kulturen, die aus eben diesem Grund auf dem Schrottplatz der Geschichte gelandet sind. Ein besonders aussagekräftiges Beispiel dafür sind die Maya, deren Kultur auf der Yucatán-Halbinsel in Zentralamerika blühte, während sich Europa durch die dunklen Jahrhunderte des frühen Mittelalters kämpfte.
Wie bei der modernen Industriegesellschaft basierte die Zivilisation der Maya auf einer nicht erneuerbaren Ressource. In Zentralamerika handelte es sich um die Fruchtbarkeit der empfindlichen Tropenböden, die einen intensiven Maisanbau nicht unendlich lange zuließen. Auf diesem wackligen Fundament errichteten die Maya eine außerordentliche Zivilisation, mit schönen Künsten, Architektur, Astronomie, Mathematik und einem Kalender, der genauer ist als unserer heutiger. Nichts davon war von irgendeiner Bedeutung, als die Ernteerträge abnahmen. Die Maya-Zivilisation löste sich auf, Städte wurden dem Dschungel überlassen, und die Bevölkerung im Maya-Kernland ging um 90 Prozent zurück.
Die Parallelen gehen noch weiter, den auch die Maya hätten durchaus eine Wahl gehabt. Sie hätten den Mais durch andere, nachhaltiger anzubauende Früchte wie etwa den Brotnussbaum ersetzen oder die intensive Feuchtland-Landwirtschaft ihrer nördlichen Nachbarn übernehmen können. Nichts davon passierte, weil der Maisanbau eine derart zentrale Rolle in der politischen Ideologie der Maya spielte. Die Macht der Ajaw oder „göttlichen Herren“, die über die Maya-Stadtstaaten herrschten, hing von der Kontrolle der Maisernte ab, daher war eine Wechsel zu einer anderen Anbaufrucht oder einem anderen Anbausystem undenkbar. Stattdessen reagierten die Maya-Eliten auf die Krise, indem sie Kriege um den Besitz von Feldern und Mais aus anderen Stadtstaaten vom Zaum brachen, was ihren Niedergang und Fall am Ende wesentlich brutaler machte, als notwendig gewesen wäre.
Und trotzdem war dieser Niedergang kein schneller Prozess. Die Maya-Städte wurden nicht über Nacht verlassen, wie zwei Generationen von Archäologen fälschlicherweise annahmen, sondern gingen in einem „wellenförmig auf- und abgehenden“ Zusammenbruch unter, der sich über anderthalb Jahrhunderte von 750 bis 900 erstreckte. Außerhalb des Maya-Kernlands dauerte der Prozess sogar noch länger: Chichén Itzá im äußersten Norden blühte noch lange, nachdem Städte wie Tikal oder Bonampak nur noch überwucherte Ruinen waren, und Maya-Stadtstaaten kleineren Maßstabs überlebten in entlegenen Winkeln von Yucatán sogar bis zur Eroberung durch die Spanier.
Man muss nur die zeitliche Dauer des Zusammenbruchs der Maya-Zivilisation auf die menschlichen Lebensspanne projizieren, und die wahren Dimensionen offenbaren sich. Eine um 730 geborene Maya-Frau hätte die Krise herannahen sehen, aber die Ajaw und ihre Städte standen immer noch in voller Kraft, als sie siebzig Jahre später an Altersschwäche starb. Ihr Großenkel, um 800 herum geboren, wäre in einer sich auflösenden Gesellschaft aufgewachsen, und die Kriege und Missernten seiner Zeit wären ihm alltäglich erschienen. Seine Großenkelin wiederum, um 870 geboren, hätte nichts anderes gekannt als Ruinen, die langsam vom Dschungel überwuchert werden. Als sie und ihre Familie sich endlich auf den Weg in ein weit entferntes Dorf machten, die letzten Bewohner, die eine leere Stadt verließen, wäre es ihr nie in den Sinn gekommen, dass ihre stillen Schritte auf einem Waldpfad das Ende einer Zivilisation markierten.
Die Olduwai-Theorie
Dasselbe Muster ist wieder und wieder in der Geschichte auszumachen. Die schrittweise Auflösung, nicht der plötzliche katastrophale Zusammenbruch, begleitet den Weg, auf dem Zivilisationen enden. Es sind in der Regel zwischen 150 und 350 Jahren erforderlich, damit eine Zivilisation ihren Niedergang und Fall durchlaufen kann. Das lässt die heutige Krise in einem verblüffend anderen Licht erscheinen. Für die USA waren zwei Jahrhunderte schrittweiser, kleiner Änderungen erforderlich, bis sich das Land von einer Agrargesellschaft in den alternden industriellen Giganten von heute verwandelt hatte. Jetzt droht ihr angesichts der nicht mehr ausreichenden Ressourcenbasis dasselbe Schicksal wie allen anderen Zivilisationen. Aber wenn dieses Schicksal sich an den üblichen Zeitplan halt, könnten leicht noch zwei weitere Jahrhunderte voller schrittweiser, kleiner Änderungen vergehen, bevor die USA wieder zu einer Agrargesellschaft werden.
So überraschend diese Aussicht auch scheint, es gibt aufschlussreiche Anhaltspunkte für ihre Richtigkeit. Man denke nur an unsere schwindenden Ölreserven. Die in den 1950ern von dem Geophysiker M. King Hubbert postulierte Hubbert-Kurve bildet den zeitlichen Verlauf der Ölförderung ab, sowohl für eine einzelne Förderpumpe als auch für den gesamten Planeten. Die Kurve hat eine Glockenform: Die Ölförderung entwickelt sich zunächst langsam, steigt dann auf ihr Maximum und fällt dann allmählich wieder auf Null. Das Maximum wird erreicht, wenn ungefähr die Hälfte des Öls verbraucht wurde. Die kontinentalen USA haben ihr Fördermaximum 1970 erreicht, seitdem ist die Fördermenge immer weiter zurückgegangen. Viele mit Energiefragen befasste Wissenschaftler nehmen an, dass das globale Fördermaximum bis 2010 erreicht wird. Nach Erreichen des Maximums wird die weltweite Fördermenge entsprechend der Hubbert-Kurve ungefähr so schnell wieder absinken, wie sie zuvor angestiegen ist. Wird das Maximum 2010 erreicht, kann die jährliche Fördermenge 2030 noch ungefähr die ungefähre Höhe von 1975 oder 1980 erreichen, das wären um die 20 Milliarden Barrel. Zwar muss diese Ölmenge 2030 die Bedürfnisse einer um das Doppelte gestiegenen Weltbevölkerung erfüllen, und das in einer Welt voller Krisen, aber 20 Milliarden Barrel sind immer noch ziemlich viel Öl.
Auf diese Weise endet das Öl: nicht mit einem Knall, sondern mit einem Tröpfeln, um T. S. Eliot leicht abzuändern. Anderen fossilen Brennstoffen steht dasselbe Schicksal bevor, ebenso dem Kernenergie-„Brennstoff“ Uran, aber sie können dazu beitragen, die Auswirkungen der sinkenden Ölproduktion eine Zeitlang zu lindern, bevor sie ihre eigenen Hubbert-Maxima erreichen. Energie aus erneuerbaren Quellen kann nur einen kleinen Teil des Bedarfs decken, der heute von fossilen Brennstoffen befriedigt wird, aber dieser kleine Teil kann ebenfalls dazu beitragen, den Rückgang zu verlangsamen und die Reichweite der verbliebenen Öl- und Kohlereserven zu verlängern. Wir stehen also nicht vor dem Problem, dass überhaupt keine Energie mehr verfügbar wäre. Es geht nur darum, dass wir jedes Jahr weniger davon haben werden, bis wir schließlich auf einem Niveau angelangt sind, das unendlich lange aufrecht erhalten werden kann.
Die Logik der Hubbert-Kurve bietet den Rahmen für Richard Duncans so genannte „Olduwai-Theorie“, einen schonungslosen Ausblick auf die deindustrialisierte Zukunft. Duncan geht vom „White'schen Gesetz“ aus, also der weithin akzeptierten Beobachtung, dass die Entwicklungsstufe einer Kultur in der Regel direkt proportional zu ihrem Pro-Kopf-Verbrauch an Energie ist. Weltweit gesehen erreichte der Energieverbrauch pro Kopf vor 1800 nur sehr bescheidene Höhen, bis dann um 1800 ein schwindelerregender, durch fossile Treibstoffe befeuerter Anstieg begann, der 1979 einen absoluten Höchststand erreichte. Ab diesem Zeitpunkt, so hat Duncan gezeigt, verlieren zwei Jahrhunderte explosiven Wachstums ihre Schlagkraft.
Nach 1979 sank der weltweite Energieverbrauch pro Kopf, weil geringe Erhöhungen bei der Energieerzeugung durch das Bevölkerungswachstum mehr als ausgeglichen wurden. Wenn die Energieerzeugung selbst nach dem Erreichen des Hubbert-Maximums wieder absinkt, wird die Kurve des Pro-Kopf-Verbrauchs noch steiler absinken. Ihr weiterer Verlauf führt um 2030 zu einem weltweiten Energieverbrauch pro Kopf, der in etwa dem von 1930 entspricht, ungefähr einem Drittel des Maximums von 1979. Duncan vertritt die Auffassung, dass das industrielle Zeitalter einem Wellenimpuls gleicht, einer einzigen, glockenförmigen, nicht wiederholbaren Kurve um den Spitzenwert 1979 herum. Da keine erneuerbare Energieressource mehr als einen kleinen Bruchteil der enormen Mengen an fossiler Energie ersetzen kann, die wir in der jüngsten Vergangenheit vergeudet haben, sagt er voraus, dass die technisch wenig entwickelten Jahrtausende, die dem industriellen Impuls vorangingen und in denen niemand von den enormen Schätzen beinahe gratis erhältlicher, in den fossilen Brennstoffen gespeicherter Energie wusste, nach dem Ende des Wellenimpulses ihr Gegenstück in ebensolchen technisch wenig entwickelten Jahrtausenden haben werden, wenn der Schatz für immer weg ist.
Die Macht der Mythen
Viele Menschen reagieren auf solche Prognosen extrem aufgebracht. Anhänger der Fortschrittsreligion beharren darauf, dass der menschliche Erfindungsgeist den Fortschritt schon irgendwie wieder in Gang bringen und uns zu einer weiterentwickelten Gesellschaft führen wird. Wer an den Weltuntergang glaubt, wird dagegen insistieren, dass auch ein schrittweiser Niedergang irgendwie eine Katastrophe auslösen und zu Massensterben und einer Mad-Max-Zukunft führen wird. Das Konzept eines langsamen Abstiegs zu den landwirtschaftlichen Kulturen einer deindustrialisierten Zukunft ist für beide gleichermaßen beleidigend. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Anhänger dieser beiden Glaubensrichtungen buchstäblich nicht in der Lage sind, eine dritte Alternative auch nur zu denken.
Solcherlei blinde Flecken zeigen, dass es hier in Wirklichkeit um Mythen geht. Heutzutage ist die Ansicht weit verbreitet, dass nur Angehörige von Naturvölkern an Mythen glauben, aber das mythische Denken ist in jeder Art von Gesellschaft verbreitet, auch in unserer eigenen. Ein Mythos ist eine Erzählung, die der Welt Sinn verleiht. Die meisten alten Kulturen bezogen ihre Mythen aus ihrer Religion – die meisten modernen Gesellschaften aus Wissenschaft oder politischer Ideologie. Zwei konkurrierende Erzählungen sind die beliebtesten Mythen der modernen Gesellschaft. Beide sind allgemein bekannt.
Die erste ist der Mythos des ewigen Fortschritts. Dieser Erzählung zufolge besteht die gesamte Geschichte der Menschheit aus dem Drama des Kampfs um den Fortschritt. Aus primitiver Ignoranz und Wildheit, so der Fortschrittsmythos, haben wir uns Schritt für Schritt auf der Leiter der Zivilisation nach oben gearbeitet. Das über Generationen angesammelte Wissen ermöglichte es jeder Kultur, die ihr vorangehenden zu übertreffen. Am Beginn der Moderne schaltete der Fortschrittsmotor in den Schnellgang hoch, und dort ist er seitdem geblieben. Der Zweck der menschlichen Existenz besteht darin, diese Aufstieg zu ermöglichen, damit unsere Nachkommen eines Tages zu den Sternen fliegen können.
Die zweite ist der Mythos der tragischen Entfremdung. Dieser Erzählung zufolge ist die gesamte Geschichte der Menschheit nur eine Sackgasse: Einst lebten die Menschen in Harmonie mit ihrer Welt, ihren Mitmenschen und sich selbst, aber dieses Zeitalter ging zu Ende, und seitdem geht es nur noch bergab. Riesige Städte, die von aufgeblähten Bürokratien regiert und von Menschen bewohnt werden, die geistige Werte gegen eine durch und durch materialistische Existenz eingetauscht haben, markieren den Punkt, ab dem es kein Zurück mehr gibt. In nicht allzu ferner Zukunft wird der ganze baufällige Laden von einer plötzlichen Krise überwältigt zusammenkrachen, und unzählige Menschen werden sterben. Nur diejenigen, die von einer korrupten und dem Untergang geweihten Gesellschaft ablassen, werden überleben, um eine bessere Welt zu schaffen.
Beide Erzählungen sind Variationen des wesentlich älteren religiösen Mythos der Apokalypse, bei der auf ungeheure Katastrophen ein tausendjähriges Reich der Glückseligkeit für die Auserwählten folgt. Der Soziologe Philip Lamy zeigte in seinem Buch Millennium Rage (1996, etwa: „Tausendjähriger Zorn“), dass die meisten Menschen, einschließlich eines Großteils der Christen, heute an „gebrochene“ Versionen des apokalyptischen Mythos glauben und sich dabei auf jeweils ein Detail aus der vollen Komplexität des älteren Mythos konzentrieren. Die Mythen des eigen Fortschritts und der tragischen Entfremdung sind gute Beispiele dafür: Erstere betont die Hoffnung zukünftiger Glückseligkeit, Letztere die drohende Katastrophe.
Die mythische Eigenart dieser Ansichten zeigt sich deutlich, wenn beide an der tatsächlichen Geschichte gemessen werden. Die Fortschrittgläubigen beharren darauf, dass in der Geschichte der Menschheit stets der Fortschritt vorangebracht wurde, aber ein Blick in die Vergangenheit erschüttert diesen bequemen Glauben in seinen Grundfesten. Zwischen der landwirtschaftlichen Revolution der Jungsteinzeit und dem Industriezeitalter änderte sich im Alltagsleben nicht besonders viel. Alles in allem unterschied sich das Leben eines Bauern im Ägypten der Pharaos nur wenig von dem eines Bauern im siebzehnten Jahrhundert in Frankreich (es hatten sogar beide einen Sonnenkönig). Die Industrialisierung konnte dieses Muster nur aufbrechen, indem die in der Erde gespeicherte Energie angezapft wurde, um zwei Jahrhunderte unbändiges Wachstum zu befeuern.
Alle Voraussetzungen der Industriegesellschaften – außer einer Methode, fossile Brennstoffe in mechanische Energie umzuwandeln – gab es schon lange vor der industriellen Revolution. Erneuerbare Energiequellen? Windkraft, Wasserkraft und Biomasse wurden sämtlich im großen Maßstab in der vorindustriellen Vergangenheit genutzt. Wissenschaftliche Kenntnisse? Die Gesetze der Mechanik waren zum Teil bereits in der Antike und bei den Arabern bekannt, und ein griechischer Gelehrter erfand sogar die Dampfturbine – ohne fossile Brennstoffe war sie allerdings nur ein nutzloses Spielzeug. Menschlicher Einfallsreichtum und Erfindungsgeist? Die Menschen in der Vergangenheit waren genauso einfallsreich und erfinderisch wie wir. Der einzige wesentliche Unterschied zwischen antiken Kulturen und der modernen Industriegesellschaft besteht in der Nutzung fossiler Brennstoffe. Je weniger fossile Brennstoffe zur Verfügung stehen und je deutlicher sich die ökologischen Folgen ihres Missbrauchs zeigen, desto geringer wird auch dieser Unterschied wieder. Und was den festen Glauben einiger Menschen angeht, es „führe kein Weg zurück“: Das sagt sich leicht dahin, aber wir haben nicht mehr die Ressourcen, um weiter voranzukommen, und bald wird es uns nicht einmal mehr gelingen, unsere Position zu halten. Welche andere Richtung sollte da noch in Frage kommen?
Die Weltuntergangsjünger ihrerseits vertreten standhaft die Meinung, dass unsere Zivilisation ein plötzliches, katastrophales und totales Ende finden wird. Wie bereits weiter oben gezeigt liefert die Geschichte keinerlei Anhaltspunkte für eine solche Behauptung. Der Untergang von Zivilisationen nimmt eine gewisse Zeit in Anspruch, die Ressourcenbasis der Industriegesellschaft schrumpft langsam zusammen, aber sie ist weit davon entfernt, völlig erschöpft zu sein. Die Auswirkungen der Erderwärmung und anderer ökologischer Stressfaktoren summieren sich nur langsam auf, und die herrschenden Eliten ebenso wie die gewöhnlichen Bürger haben allen Grund, die Dinge so lange wie möglich am Laufen zu halten. Die Geschichte des letzten Jahrhunderts zeigt, dass Industriegesellschaften enorme Erschütterungen aushalten können, ohne in einem Hobbes’schen Krieg aller gegen alle zu zerfallen, und dass die Menschen in harten Zeiten weit eher bereit sind, Befehle zu befolgen und auf das Beste zu hoffen, als sich den plündernden Horden anzuschließen, von denen die Phantasievorstellungen der Survival-Freaks beherrscht sind. Die traurige Geschichte der nicht eingetretenen Jahr-2000-Krise vor ein paar Jahren kann ebenfalls zur Mahnung dienen, dass das Katastrophenrisiko in der Regel überbewertet wird.
Natürlich ist es möglich, dass irgendeine Mega-Katastrophe darauf wartet, uns alle auszulöschen, ebenso wie es möglich ist, dass die Wissenschaftler doch noch ein technologisches Kaninchen aus dem Hut zaubern, das der Industriegesellschaft neues Leben einhaucht. Und genauso möglich ist es, dass nächsten Dienstag Außerirdische in fliegenden Teetassen durch die Erdatmosphäre sausen und auf alle Männer, die den Namen „Heinz“ tragen, radioaktives Gemüse fallen lassen. Der Umstand, dass diese letzte Möglichkeit nicht auszuschließen ist, sollte uns vernünftigerweise nicht dazu verleiten, unsere Zukunft darauf zu verwetten, dass unsere Fabriken mit phosphoreszierenden Kohlköpfen betrieben werden!
Es ist vernünftig, Katastrophen und andauernden Fortschritt als Möglichkeiten zu betrachten, aber beide müssen gegen die Realitäten unserer gegenwärtigen Situation und das Zeugnis der Geschichte abgewogen werden. Beide verlangen einen im großen Maßstab wirkenden Deus ex machina, um den Lauf der Dinge zu ändern: Gewöhnliche Katastrophen reichen nicht aus, um die Industriegesellschaft über Nacht zum Fall zu bringen, ebenso wie der gewöhnliche technische Fortschritt nicht ausreicht, um die Industriegesellschaft aus der Klemme zu befreien, in die sie sich selbst hineinmanövriert hat. Ohne ein außergewöhnliches Ereignis bleibt unsere Zivilisation auf dem wohlbekannten Kurs des langsamen Niedergangs. Sofern es überhaupt sinnvoll ist, Planungen für die Zukunft zu betrieben, sollte man dabei die Zukunft berücksichtigen, die am wahrscheinlichsten eintreten wird.
Sowohl der Mythos des ewigen Fortschritts als auch der Mythos der tragischen Entfremdung haben eine große emotionale Anziehungskraft – deswegen sind sie ja so beliebt. Der Mythos des ewigen Fortschritts bietet jenen einen Trost, die ihren Frieden mit der Gesellschaft in ihrem jetzigen Zustand gemacht haben und glauben möchten, dass ihr Leben Teil eines Fortschrittsprozesses sind, der am Ende zu Besserem führen wird. Der Mythos des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs bietet jenen einen Trost, die die Gesellschaft in ihrem jetzigen Zustand nicht akzeptieren können und an eine Katastrophe glauben möchten, in der die stolzen Türme der verhassten Zivilisation in den Staub fallen. Nichtsdestotrotz stellt der Umstand, dass ein bestimmter Glaube starke Gefühle weckt und Trost bietet, keinen Beweis für seine Richtigkeit dar.
Der Verlauf des Niedergangs
Die Interpretation der harten Realitäten der Zukunft im Licht alter Mythen verhindert, dass wir ein klares Verständnis unseres Dilemmas gewinnen. Mehr als sechs Milliarden Menschen leben auf einem Planeten, der sehr langfristig gesehen höchstens eine Milliarde ernähren kann. Wir können nicht einmal heute die Bedürfnisse aller Menschen erfüllen, und die Ressourcen, die für die Aufrechterhaltung nur des heutigen Lebensstandards erforderlich sind, werden knapp. Die Ressourcenkriege haben bereits begonnen – die Irakinvasion der USA 2003 wird vielleicht einmal als erster einer Reihe von Ölkriege in die Geschichtsbücher eingehen. Gleichzeitig treibt die Erderwärmung die Kosten für Naturkatastrophen so schnell in die Höhe, dass die Swiss RE, einer der größten Rückversicherer der Welt, davor warnt, dass allein dadurch die Weltwirtschaft bis 2060 bankrott gehen könnte.
Lassen wir den Deus ex machina des Fortschritts- und des Weltuntergangsmythos beiseite und projizieren wir die wahrscheinlichen Ereignisse auf die Abfolge der menschlichen Generationen, dann erhalten wir ein realistisches Bild der Zukunft. Stellen Sie sich eine Amerikanerin vor, die 1960 geboren wurde. Sie erlebt die Schlangen an den Tankstellen in den 1970ern, die kurzlebigen politischen Zauberkunststücke, mit denen die Krise in den 1980ern und 1990ern überdeckt wurde, und die neuerlichen Schwierigkeiten in den folgenden Jahrzehnten. Explodierende Energiepreise, Versorgungsengpässe, Wirtschaftsflauten und Ressourcenkriege bestimmen den Rest ihres Lebens. Im Alter von 70 Jahren lebt sie in einer schwer gezeichneten, schlecht funktionierenden Stadt, in der die halbe Bevölkerung keinen verlässlichen Zugang zu sauberem Wasser, Elektrizität oder Gesundheitsfürsorge hat. Im Schatten der Wolkenkratzer breiten sich Barackenstädte aus, während die politische und wirtschaftliche Führung weiter darauf beharrt, dass es irgendwann wieder aufwärts gehen wird.
Ihr Großenkel, der 2030 geboren wird, schafft es irgendwie, dem Cocktail aus Krankheiten, allgegenwärtiger Gewalt und epidemieartigem Alkohol- und Drogenmissbrauch zu entgehen, dem die Hälfte seiner Generation vor Erreichen des 30. Geburtstags zum Opfer fällt. Durch einen glücklichen Zufall findet er den Weg in eine technische Berufslaufbahn, die ihn vor dem Militärdienst in endlosen Kriegen in Übersee oder „Befriedungsaktionen“ gegen separatistische Guerillakämpfer im eigenen Land bewahrt. Seine technischen Kenntnisse bestehen hauptsächlich aus Faustregeln, die er für das erfolgreiche Ausschlachten von Altgeräten braucht. Autos und Kühlschränke sind ein Luxus, den er sich niemals leisten wird, in seinem Zuhause gibt es keine Elektrizität oder Zentralheizung, und seine medizinische Versorgung besteht aus einer alten Frau, deren Großmutter Ärztin war und die deshalb gewisse Kenntnisse über Wundpflege und Heilkräuter besitzt. Als seine Haare langsam grau werden, haben sich die zankenden Regionen, die einst die Vereinigten Staaten gebildet haben, längst voneinander getrennt, alle verbleibenden Brennstoffe und die elektrische Versorgung sind der ausschließlichen Nutzung der neuen Regierungen vorbehalten, und die küstennahen Städte leeren sich wegen des steigenden Meeresspiegels.
Für seine 2100 geborene Großenkelin sind die großen Krisen im Wesentlichen ferne Echos der Vergangenheit. Sie wächst in einem Ring spärlich besiedelter Dörfer auf, der einen verlassenen Kern vor sich hinrostender Wolkenkratzer umgibt, wo nur noch Bergungstrupps auf der Suche nach Rohmaterialien hinkommen. Lokal begrenzte Kriege flackern hier und da auf, der Meeresspiegel steigt immer noch, und Hungersnöte wie Epidemien sind eine vertraute Erfahrung, aber da die Weltbevölkerung auf 15 Prozent ihrer Größe von 2000 gefallen ist, kommen Menschheit und Natur langsam wieder ins Gleichgewicht. Sie lernt lesen und schreiben, was sie gegenüber den meisten ihrer Nachbarn auszeichnet, und unter ihren wertvollsten Besitztümern sind auch ein paar alte Bücher, aber die Tage, als Menschen auf dem Mond spazieren gingen, verblassen langsam zu Legenden. Als sie und ihre Familie sich endlich auf den Weg in ein Dorf auf dem Land machen und die Hülle der alten Stadt den Bergungstrupps überlassen, würde es ihr nie in den Sinn kommen, dass ihre stillen Schritte auf einer zerbröckelnden Asphaltstraße das Ende einer Zivilisation markieren.
Was getan werden kann
Wenn Menschen versuchen, die Konturen der Zukunft zu erahnen, tun sie das aus demselben Grund, der Autofahrer dazu bringt, die Straße vor sich zu beobachten: Es ist einfacher, Krisen zu überstehen und Gelegenheiten zu nutzen, wenn man ausreichend Reaktionszeit hat. Bis jetzt haben die beiden oben behandelten Mythen unsere Zukunftsplanungen dominiert. Die Fortschrittgläubigen meinen, die beste Methode, sich auf die Zukunft vorzubereiten, wären hohe Geldausgaben für Forschung und Entwicklung, damit neue Technologien den Fortschritt weitertragen können, sobald sie gebraucht werden. Weltuntergangsjünger meinen, die beste Methode, sich auf die Zukunft vorzubereiten, wäre der Aufbau isolierter Enklaven mit Nahrungsmittel- und Waffenlagern, wo man die Apokalypse überleben kann, indem man sich verbarrikadiert und wartet, bis alles vorbei ist.
Wenn uns ein Zeitalter des Niedergangs bevorsteht, ist keine dieser Herangehensweisen viel wert. Forschung und Entwicklung sind vielleicht nützlich, wenn man sich dabei auf einfache, nachhaltige Technologien konzentriert, aber Projekte dieser Art müssen rasch begonnen werden, denn wenn der Niedergang erst eingesetzt hat, wird die wissenschaftliche Forschung zu den ersten Opfern der notwendigen Einsparungen zählen. Und was das Verbarrikadieren in einer einsamen Berghütte angeht, macht die langsame Geschwindigkeit des Niedergangs eine solche Handlungsweise vollkommen irrelevant. Wie viel Nahrungsmittelkonserven und Munition man auch auftürmt, mehrere Jahrhunderte werden sie nicht überstehen, und dies gilt genauso für einen selbst.
Eine andere Art von Zukunft erfordert eine andere Art des Denkens. Die wesentlichen Bedürfnisse, die in einem Zeitalter des Niedergangs erfüllt werden müssen, sind die Schadensbegrenzung, das Bewahren des kulturellen Erbes und der Aufbau einer neuen Gesellschaft in den Ruinen der alten. Die politische und wirtschaftliche Elite wird weder diese Bedürfnisse erfüllen, noch sonst irgendetwas Nützliches tun – Öl spielt für die modernen Industrienationen dieselbe Rolle wie Mais für die Maya, und die Ajaw in Washington und an der Wall Street haben sich bereits ebenso in Kriege geflüchtet wie ihre Maya-Vorläufer. Glücklicherweise können aber alle drei Bedürfnisse von einzelnen und kleinen Gruppen mit begrenzten Ressourcen erfüllt werden, und Projekte dieser Art werden im kleinen Maßstab bereits unternommen.
Bei der Schadensbegrenzung geht es vor allem darum, die Auswirkungen des Niedergangs so einzudämmen, dass sie keine unnötig hohen Kosten verursachen. Die große Herausforderung hierbei liegt darin, dass die meisten Bewohner der Ersten Welt nicht die geringste Ahnung haben, wie sie außerhalb des schützenden Kokons der Industriegesellschaft überleben sollen. Je mehr die Technologie sich in ihre Bestandteile auflöst, die Infrastruktur zusammenbricht und örtlich begrenzte Katastrophen auftreten, desto mehr muss man die Voraussetzungen für sein Überleben aus eigener Kraft und den vor Ort vorgefundenen Materialien schaffen, dabei können die meisten der heutigen Menschen nicht einmal ein Feuer anzünden, um sich aufzuwärmen, ohne Streichhölzer oder ein Feuerzeug zu benutzen. Die Menschen müssen Überlebens-, Erste-Hilfe- und Selbstversorgungstechniken lernen, um diese Herausforderung zu meistern. Gruppen können diese Basis weiter ausbauen, indem sie Netzwerke der Unterstützung bilden und harmonierende Spezialkenntnisse koordinieren, damit eine größere Bandbreite an Fähigkeiten zur Verfügung steht.
Die Versuchung, sich auf Warenlager von Nahrung, technischen Geräten, Waffen oder Edelmetallen zu verlassen, um den Auswirkungen eines Zeitalters des Niedergangs zu begegnen, ist verständlich, aber fatal. Seit zwei Jahrhunderten sind Maschinen und ihre Produkte billiger als menschliche Fähigkeiten. Das Ergebnis ist die Neigung, Dinge für wertvoller als Fähigkeiten zu halten, und letztlich eine Prothesen-Gesellschaft, in der uns beigebracht wird, unsere eigenen Fähigkeiten möglichst zu vernachlässigen und dann für technische Ersatzleistungen zu bezahlen: Wir verwenden Organizer statt unser Gedächtnis zu trainieren, kaufen Brotbackmaschinen statt das Brotbacken zu erlernen, sehen fern statt unsere Phantasie einzusetzen. Diese Einstellung muss möglichst rasch wieder verlernt werden. Wenn man in schweren Zeiten irgendwelche Dinge hortet, ist man eine leichte Beute für alle, die ein Interesse daran haben, den Hort von seinem Eigentümer zu befreien und sich selbst daran zu erfreuen – verfügt man hingegen über wertvolle Fähigkeiten, die man für andere einsetzen und weitergeben kann, hat man überall nur gute Freunde.
Dieselben Prinzipien gelten für Strategien zur Erfüllung der anderen beiden Bedürfnisse. Beim Bewahren des kulturellen Erbes geht es darum, dass das aus den letzen paar tausend Jahren überlieferte Wissen nicht verloren gehen darf. Das ist nicht gerade die leichteste Aufgabe, denn fast alles davon ist in einem Zeitalter des Niedergangs auf extreme Weise vom Vergessen bedroht. Fast alle in den letzten anderthalb Jahrhunderten hergestellten Bücher sind auf hochgradig säurehaltigem Papier gedruckt, das sich langsam, aber sicher zurück in Sägespäne verwandelt. In den Bibliotheken wird heute schon darum gerungen, die Sammlungen von Büchern aus dem 19. Jahrhundert vor der Auflösung zu bewahren. CDs und DVDs weisen, ebenso wie andere elektronische Medien, eine wesentlich kürzere Haltbarkeitsdauer auf, und in einer Gesellschaft, die nur noch einfache Technik zur Verfügung hat, wird man sie auch nicht mehr abspielen können. Wenn die Menschen ums Überleben kämpfen, stehen Literatur, Musik, Kunst und Wissenschaft in der Regel ohnehin nicht an erster Stelle ihrer Prioritäten.
Anders gesagt: Welche Anstrengungen man zur Bewahrung des kulturellen Erbes auch unternimmt, es muss auf jeden Fall rücksichtslos aussortiert werden. Die ausufernden Bibliotheken müssen sorgfältig durchkämmt werden, um kleinere Sammlungen zusammenzustellen, die notfalls auch von Hand kopiert werden können. Musikalische Formen, die als lebendige Tradition weitergegeben werden können, haben eine größere Überlebenschance, Lagerfeuer-Gitarrenmusik könnte es also leichter haben als Beethovens Neunte. Eine riesiger Teil des kulturellen Erbes wird unweigerlich verloren gehen; unsere Aufgabe besteht lediglich darin sicherzustellen, dass die bestmögliche Auswahl erhalten bleibt.
Von Wissenschaftlern manchmal zu diesem Zweck vorgeschlagen wird ein Buch, in dem alles steht, was die Wissenschaft bis heute herausgefunden hat, aber dieser Ansatz ist nicht unproblematisch. Aus der Geschichte wissen wir, dass die wissenschaftlichen Werke einer bestimmten Epoche leicht zum versteinerten Dogma der nächsten werden, und die Angehörigen einer deindustrialisierten Gesellschaft könnten angesichts eines Buches, das jede Menge fertiges Wissen enthält, zu der Ansicht gelangen, dass man zur Beantwortung aller möglichen Fragen nur in einem alten Buch nachschlagen muss. Das ist der Weg der Stagnation. Weitaus besser wäre ein Lehrbuch über wissenschaftliche Methodik, Abhandlungen über ein paar nützliche Wissenschaften wie Ökologie und Mechanik sowie eine gewisse Menge an Fingerzeigen und Fragmenten, die zukünftigen Denkern ausreichend Anreiz bieten, eigene Forschungen zu beginnen.
Der Aufbau einer neuen Gesellschaft schließlich wird sich weitaus einfacher gestalten, wenn wir bereits heute damit beginnen. Während der letzten zwei Jahrhunderte bestand die erfolgreichste Strategie darin, auf der Welle des Fortschritts zu reiten und möglichst mehr Energie, mehr Ressourcen und mehr Technologie als die Mitbewerber einzusetzen. In den nächsten zwei Jahrhunderten wird die erfolgreichste Strategie vermutlich darin bestehen, das exakte Gegenteil dieser Regel zu befolgen. Wer sich mit den Realitäten des Niedergangs abfindet und weniger Energie, weniger Ressourcen und weniger Technologie einsetzt als die Mitbewerber, wird den Sieg davontragen. Ironischerweise muss man am besten bereits heute, bevor die enorme Wissensbasis der Industriegesellschaft langsam auseinander fällt, nach Lebensformen suchen, die weniger von dem verbrauchen, das uns demnächst nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen wird.
Ein exzellentes Beispiel hierfür ist der Biolandbau. Im letzten Jahrhundert haben die ökologische Anbautechniken so große Fortschritte gemacht, dass man jetzt eine karge, aber für ein Jahr ausreichende Nahrungsmittelversorgung für eine Person auf nicht mehr als 100 Quadratmeter Land anbauen und gleichzeitig auch noch auf lange Sicht die Bodenfruchtbarkeit erhöhen kann. Diese Techniken könnten vielleicht eines Tages als größtes Geschenk unserer Kultur an die Zukunft angesehen werden, jedenfalls, wenn sie das kommende Zeitalter des Niedergangs überleben. Heute werden sie detailliert in Dutzenden von Büchern beschrieben, aber ob dies in hundert Jahren auch noch gilt, hängt von unseren heute getroffenen Entscheidungen ab.
Auch über die Landwirtschaft hinaus gibt es jede Menge von Technologien, Fertigkeiten und Traditionen, die für die technisch wenig entwickelte Gesellschaft der Zukunft von unschätzbarem Wert sein können und über die man sich heute mit nur geringem Aufwand informieren kann. Man denke nur an die Kochkiste. Wenn Ihre Urgroßmutter in Europa oder Nordamerika gelebt hat, dürfte sie eine verwendet haben. Dabei brachte sie einen Topf mit Nahrungsmitteln zum Kochen, steckte ihn in eine mit Dämmmaterial (etwa Heu) gefüllt Kiste und ließ den Kochvorgang durch die Resthitze zu Ende bringen. Dadurch konnte sie einen Großteil des Brennmaterials sparen, dass sie beim alleinigen Kochen auf dem Herd benötigt hätte. Die Kochkistentechnologie könnte nützlich werden, um in der Zukunft trotz Energiemangel die Lebensqualität auf einem annehmbaren Stand zu halten, aber dies nur, wenn sie aus dem Museum geholt und wieder in Verwendung gebracht wird, bevor das Wissen verloren geht.
Die aus diesen Beispielen zu ziehende Lehre ist einfach, aber weitreichend. Wenn die Menschen sich heute bereits auf die Zukunft einstellen und hinsichtlich Fertigkeiten und Lebensweisen einen Weg einschlagen, den auch unsere deindustrialisierten Nachkommen beschreiten können, kann das kommende Zeitalter des Niedergangs weniger traumatisch verlaufen, als es sonst würde. Der Staat und die Wirtschaft werden keine große Hilfe sein – zweifellos werden sie sich an die Hinterlassenschaften der Industriegesellschaft klammern wie die Barbarenhäuptlinge des frühen Mittelalters an die äußeren Symbole der römischen Macht, lange nachdem das eigentliche Imperium untergegangen war. Und doch können Einzelne, Gruppen und lokale Gemeinschaften viel erreichen, wenn sie sich auf den langen Weg nach unten in eine deindustrialisierte Welt machen.
Die deindustrialisierten Gesellschaften der Zukunft sind nur dann zu mittelalterlichem Elend verdammt, wenn wir es jetzt versäumen zu handeln. Eine kultivierte, belesene und humane Gesellschaft mit blühenden Städten und lebhaftem Handel kann auch auf einer sehr begrenzen Ressourcenbasis errichtet werden. So verschloss etwa Japan während des Tokugawa-Schogunats (1603 - 1868) seine Grenzen gegenüber der Außenwelt und konnte so erfolgreich einer Einbeziehung in die europäischen Kolonialreiche entgehen. Das Japan der Tokugawa-Zeit hatte eine große Bevölkerung und wenig natürliche Ressourcen, daher war die Haupt-Energiequelle menschliche Muskelkraft. Und doch war dies eines der Goldenen Zeitalter für Kunst, Literatur und Philosophie in Japan. Lese- und Schreibkenntnisse waren so weit verbreitet, dass in den drei größten japanischen Städten zusammen 1500 Buchläden zu finden waren, und die meisten Menschen hatten Zugang zu grundlegenden Bildungs- und Gesundheitsleistungen sowie Gütern des täglichen Bedarfs. Wenn wir uns nicht mehr von verführerischen Mythen ablenken lassen, sondern die Zukunft klar ins Auge fassen und jetzt damit anfangen, uns darauf vorzubereiten, könnte eine deindustrialisierte Gesellschaft der Zukunft sich einst ebensolcher Errungenschaften rühmen. Dieses Ziel ist erreichbar, und man kann sich schwerlich ein besseres Geschenk denken, das wir der Zukunft machen können.
4. Dezember 2004 (Originaltext, deutsche Übersetzung Bernd Ohm 2008, mit frdl. Genehmigung von John Michael Greer)
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