| Schlimmer geht‘s nicht |
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| Geschrieben von: Bernd Ohm |
| Sonntag, 18. Januar 2009 um 00:38 Uhr |
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Im Konzert der Stimmen, die vor den Auswirkungen des globalen Hubbert-Maximums warnen, gibt es jede Menge schräge Töne. Weltuntergangspropheten jeder Art – ob fanatische Hasser der Zivilisation an und für sich, im härenen Büßergewand einhergehende Börsen-Junkies oder die nicht totzukriegende Spezies der düster dräuenden Nostradamus-Jünger – malen allerlei Teufel an die Wand, die unseren Planeten in eine Hieronymus-Bosch-Phantasie verwandeln würden, sobald die Ölförderkurve auf dem absteigenden Ast ist: Hungersnöte, der Zusammenbruch jeder gesellschaftlichen Ordnung, plündernde und brandschatzende Horden auf der Suche nach Treibstoff und Nahrungsmitteln oder, wie es Peak-Oil-Altmeister Colin Campbell so dezent ausdrückte, „Kannibalen in Chicago“. Immer die Ruhe: In den den Jahren von 1979 bis 1983, also nach der „Zweiten Ölkrise“, ist die weltweite Ölförderung den Daten des US-Energieministeriums zufolge um nicht weniger als 9,4 Mio. Barrel am Tag gesunken, das sind immerhin 15 Prozent der damaligen Gesamtförderung innerhalb von nur vier Jahren, und dies allein wegen des wirtschaftlich bedingten Nachfragerückgangs. Ich trieb mich im entsprechenden Zeitraum auf der Oberstufe eines der hiesigen Gymnasien herum und kann mich an keinerlei Mad-Max-Motorradgangs erinnern, die auf der Suche nach dem letzten Tropfen Sprit die Norddeutsche Tiefebene durchstreift hätten, ebenso wenig an hungernde Stadtbewohner, die wegen leerer Regale beim Tengelmann ihres Vertrauens nach Mehl bettelnd in unsere Dörfer eingefallen wären. Stattdessen daddelten wir mit den ersten Heimcomputern herum (C64! Sinclair!) und kamen per Anhalter bis nach Portugal. Eine Überflussgesellschaft ist nun einmal vom Überfluss gekennzeichnet, und wenn man muss, ist es letzten Endes gar nicht so schwierig, von diesem hohen Ross – wenigstens teilweise – wieder herunterzukommen. Trotzdem würde man sich als Hubbert-bewusster Zeitgenosse eigentlich wünschen, der saudiarabische Ölminister wäre irgendwann inmitten des größten Wirtschaftsbooms der Geschichte vor die Kameras von Al-Dschasira getreten und hätte einer verblüfften Welt die unerwartete Mitteilung gemacht, dass sein Land nun wirklich nicht mehr in der Lage sei, mehr von der begehrten schwarzen Kohlenwasserstoffsoße zu liefern, als derzeit gefördert würde. DAS hätte einen Aufschrei gegeben...! ALLE hätten plötzlich erfahren, was es mit dem Hubbert-Maximum auf sich hat...! Die Regierung hätte SOFORT einen Nationalen Notstandsplan aufgestellt...! Bei Anne Will wären Geologen Stammgäste geworden, und Steinmeier würde mit dem Fahrrad ins Amt fahren. Im darauf folgenden Frühjahr würden die Saatguthersteller daran denken, an die Börse zu gehen, und Dieter Bohlen würde bei „Tötensen sucht den Supergärtner“ mitmachen. Als Kandidat, versteht sich. Stattdessen ist der Super-GAU aller Peak-Oil-Warner eingetreten: Ohne dass die allgemeine Öffentlichkeit sich des Problems „Hubbert-Maximum“ überhaupt ausreichend bewusst wäre, hat schon der erste Ansturm der Ölpreise mit dazu beigetragen, dass die Weltwirtschaft abgeschmiert ist wie ein Luftballon beim Kindergeburtstag, der knatternd und mit waghalsigen Flugmanövern seine Luft ausstößt und als schlaffes Häufchen Elend hinter dem Sofa landet. Und schon reden alle nur noch davon, wie man den Laden wieder in Gang bekommen kann. Wie die Regierung doch bitte nur irgendwie genug Geld herbeizaubert, damit nicht noch eines der Supermonster von Banken, Versicherungen oder Konzernen – die man doch früher so schrecklich und bedrohend fand, ohne die aber unser „System“ nicht einen Tag fortbestünde – den Jordan von der anderen Seite kennen lernt. Welchen Preis man zahlen muss, damit nur ja keine radikalen Änderungen notwendig werden. Alle sind am Zittern. Wer sich in der Mittelschicht oder weiter unten ein Haus gebaut hat, ein neues Auto fährt, gerne drei Flugreisen im Jahr macht und immer die neueste Konsumelektronik kauft, muss in der Regel Schulden abstottern, jeden Monat, jahrelang, jahrzehntelang. Ein Ausfall kommt nicht in Frage, schon eine längere Krankheit des Familien-Hauptverdieners kann ganze Lebensplanungen zerbröseln lassen wie Pergament aus der Zeit der salischen Kaiser. Und dann erst „die schlimmste Krise, die ich in den letzten 30 Jahren erlebt habe“ (Josef Ackermann), die 2009 möglicherweise dazu führt, dass nicht nur die Zeitarbeiter einer ungewissen Zukunft entgegen sehen...! Beinahe jeder ist heute ein „Stakeholder“ der Mega-Maschine Kapitalismus, die so effizient ist, wenn es um die die schnelle Ausbeutung und Nutzung von Rohstoffen zur Produktion von „Überfluss“ geht, die aber so kläglich versagt, wenn es um die Entwicklung einer dauerhaft haltbaren Perspektive geht. Beinahe jeder ist strukturell unfähig, über die Mega-Maschine hinaus zu denken. Wo doch nichts dringender notwendig wäre. In dieser Atmosphäre fordert sogar der US-amerikanische Physiker Robert Hirsch, dessen „Hirsch-Report“ an die US-Regierung von 2005 eines der wesentlichen Dokumente der Peak-Oil-Bewegung darstellt, im Wall Street Journal, die Aktivisten mögen doch bitte ihren Aktivismus minimieren, damit die armen Menschen draußen im Lande neben der Finanzkrise nicht auch noch durch die Aussicht verschreckt würden, bei der Ölversorgung könnte es in näherer Zukunft Probleme geben. Was soll man da noch sagen? Nehmen wir an, es dauert ein paar Jahre, bis die Weltwirtschaft wieder in Schwung kommt (es könnten auch ein paar Jahre mehr sein, und der Absturz könnte noch wesentlich steiler ausfallen, wie das Beispiel der frühen Achtziger zeigt). In diesen Jahren würde Erdöl sehr billig sein, und keine Ölfirma, ob staatlich oder privat, würde sich genötigt sehen, mehr als das Notwendigste zu investieren, um neue Felder zu erschließen, und all die brasilianischen Tiefseevorkommen, arktischen Ölquellen oder Algendieselwunder, die uns in den letzten Monaten als Allheilmittel der kommenden Energieknappheit angepriesen wurden, würden viel zu teuer sein, um sie zu sinnvoll nutzen zu können. Während dieses Zeitraums hörte aber die geologische Erschöpfung der alten Felder nicht auf, wenn also der Große Ökonomische Motor wieder anspränge, würde er urplötzlich vor dem – im Prinzip unlösbaren – Problem stehen, wie schnell genug ausreichend Treibstoff herbeigeschafft werden könnte. Die zentrale Bedeutung von Erdöl für unsere Wirtschaft wurde auf dieser Website bereits ausreichend gewürdigt, man muss also nicht betonen, dass dies keine erfreulichen Aussichten sind. Irgendwie wünscht man sich wirklich zurück nach 1979, als das Problem der Ressourcenerschöpfung schon einmal auf der Tagesordnung der westlichen Welt stand und ein nicht unbeträchtlicher Teil der Jugend durchaus bereit war, besagte Mega-Maschine grundlegend in Frage zu stellen und nach neuen Lösungen zu suchen. Die Jugend von damals ist das Establishment von heute und hat keinerlei Interesse mehr an grundlegenden Veränderungen; die Jugend von heute sieht die Punks, Freaks und Spontis von früher, die heute alberne alte Säcke sind, und sieht keinerlei Veranlassung, diesem Vorbild zu folgen. Seitdem sind so unerhebliche und lächerliche Fragen behandelt worden wie das „Ende der Geschichte“ und der „Kampf der Kulturen“. Dabei müssten wir nicht darüber reden, warum der real existierende Sozialismus versagt hat, ob der Islam bekämpft werden muss oder wie General Motors gerettet werden kann, sondern darüber, wie wir unsere Gesellschaften im heraufziehenden Zeitalter der Knappheit so organisieren können, dass trotz Mangel und Ausfall niemand unnötig leiden muss, dass für die Grundbedürfnisse aller gesorgt ist und dass eine „Energiesenkung“ (im Sinne der Transition-Town-Bewegung) nicht nur kein Problem darstellt, sondern sogar den Weg in eine lebenswertere Zukunft weisen könnte. In all den kakophonischen Meldungen zur „Krise“ droht die wirklich wichtige Botschaft unterzugehen: dass uns das Hubbert-Maximum und all die parallelen Ressourcen- und Stabilitätskrisen zwingen, unsere bisherige Wirtschafts- und Lebensweise zu überdenken und neu auszurichten. Dass wir gar keine Wahl haben – außer der, den Übergang zu einer weniger energieintensiven Gesellschaft bewusst und bewahrend oder chaotisch und zerstörerisch anzugehen. Yes, we can - aber nur, wenn wir auch wollen. |
| Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 18. Januar 2009 um 00:59 Uhr |




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