Start Ölschock-Blog Kein Mensch muss müssen
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Geschrieben von: Paul Nellen   
Donnerstag, 30. Juli 2009 um 07:42 Uhr

Niemand ist gezwungen, an etwas zu glauben, das ihm wider die Vernunft zu sein scheint. Wir beklagen und bekämpfen den Klimawandel, warum sollte uns das Abnehmen der Erdölvorräte da nicht geradezu fröhlich stimmen? Warum sollten wir "Peak Oil" stattdessen für etwas Gefährliches halten, wie es manche tun, die sich mit Katastrophenszenarien wichtig tun? Halbzeit Erdöl soll mit immer teurerem Treibstoff, letztlich einer Kostenexplosion auf breiter Front einhergehen, sagen manche Experten. Wurden die von der Ölindustrie, dem eigentlichen Nutznießer der Schwarzmalerei, für solche Voraussagen bezahlt? Weniger Erdöl, das arbeitet doch nur "uns" geradezu in die Hände - let it be! Es kann dem Klima und dem Planeten nur gefallen.

So denken offenbar die meisten Grünen. "Peak Oil" - daran glaube, wer will. Heute ist es noch das Öl. Mag es weniger und damit teurer werden, schon stehen Biokraftstoffe bereit, es zu ersetzen. Und irgendwann, wenn die DESERTEC den supersauberen Sonnenstrom aus der Wüste liefert, fahren wir alle elektrisch. Wenn es ganz dicke kommt, steht im Keller noch ein altes Fahrrad oder lassen wir uns von den Eltern oder unseren Partnern eine BahnCard schenken.

Jeder, der schon mal in schwierigem Gelände in den Bergen gewandert ist, weiß, dass der Abstieg beschwerlicher und auch gefährlicher ist als der Aufstieg. Die Kräfte, die der Aufstieg schon verzehrt hat, fehlen jetzt, da die ganze Last der Ausrüstung auf den Körper drückt. Alles scheint leichter zu laufen, und das verführt zu Leichtsinnigkeit. Die Gefahr für Fehltritte ist beim Abstieg größer als zuvor beim Aufsteigen. Der Blick schweift öfter als angemessen in die Ferne - beim nächsten Fußaufsetzen kann das den Halt kosten. Auf der abgewandten Seite des Erdölgipfels sind die Gefahren ungleich größer, die den geordneten Übergang vom Erdöl- in die Nacherdölzeit begleiten, als beim Erklimmen des Gipfels. Was uns dabei heute drückt ist die uneingestandene Vorgabe, unseren aktuellen materiellen Lebensstandard nicht nur zu erhalten, sondern sogar noch zu erhöhen.

Darüber, welchen Anteil fossile Energien, insb. der Rohstoff Erdöl beim Erreichen unserer hohen Lebens-, Gesundheits- und Wohlstandsnormen haben, macht sich kaum jemand Gedanken. Da diese nun einmal erreicht wurden, wollen wir sie auch behalten. Deswegen setzen wir abertausende Windanlagen in die Landschaft, die die fossilen, schmutzigen Energieerzeuger "sauber" ersetzen sollen. Niemand fordert, was ja ebenso möglich wäre, die "schmutzigen" Generatoren abzuschalten und  dabei auch weniger zu verbrauchen. Im Gegenteil - der Mehrverbrauch wird als Wachstums- und Konjunkturmotor gerade heute wieder dringend benötigt. Dabei sagen uns immer mehr Wissenschaftler, dass für eine neue Leitkonjunktur, die sich heute hauptsächlich auf die Entfaltung der E-Mobilität stützen sollte (so wie der letzte große Aufschwung mit der Entfaltung der Kommunikationstechnologie einherging), nicht nur für die Herstellung der Millionen von Fahrzeugen noch viel Erdöl benötigt wird. Auch andere Rohstoffe wie etwa Lithium werden als vergleichsweise knapp und logistisch schlecht platziert beschrieben, sodass E-Mobilität im gewohnten Komfort weltweit kaum mit den bisherigen Technologien erreicht werden könne.

"Trial and error" mag beim Erklimmen eines Wachstumspfades als evolutionärer Ausleseprozess auch technologisch plausibel sein, weil es unsere allmähliche Anpassung an verbesserte Lebens- und Wohlstandsumstände herausfordert und entsprechend belohnt. Beim Abstieg vom Gipfel der Rohstoffverschwendung werden fehlgehende Versuche, uns das Leben wie bisher zu erleichtern, nicht mit Belohnungen, sondern mit Bestrafungen beantwortet werden. Zumindest werden wir erst lernen müssen, auch ein Weniger nicht unbedingt als etwas Schlechteres zu empfinden. Wir werden weniger verbrauchen, weil der Abstieg vom Gipfel der förderbaren Erdöl- und Erdgasmenge quantitative Mengenreduzierung bei der Güterproduktion nach sich ziehen wird. Wir werden diesen knapper werdenden Warenstrom dabei mit immer mehr Menschen auf dem Globus teilen müssen. Das macht alles teurer, was wiederum zu schnellerer Verarmung ungezählter Menschen führen wird, die noch dichter in die schon übervölkerten Städte drängen werden. Bodenknappheit und die Abnahme der Bodenqualität wird Düngung noch wichtiger machen, obwohl der Grenzertrag hier schon erreicht ist. Aber Düngung ist fossile Energie. Nahrungsmittelerzeugung im globalen Maßstab ist ohne massiven Einsatz fossiler Energien undenkbar. Wir werden erleben, dass eine Hungerka tastrophe die nächste ablöst, was sich auch auf die Stabilität des internationalen Systems auswirken wird. Die von dort wiederum auf die Konjunkturkräfte einwirken werden. Die Herausforderung an die "Kybernetik des Regierens" wird in den nächsten 10 Jahren so groß sein wie nie zuvor.

Wir werden den Gedanken propagieren müssen, dass wir mit weniger auskommen werden müssen. Deswegen leben wir nicht schlechter, aber anders, in vielem wird man sich in unseren Breiten wieder an das Leben zurückerinnern, das unsere Vorfahren im 19. und beginnenden 20. Jh. geführt haben. Ein weitgehend auf die Region beschränktes Leben, sowohl was die Reichweite der individuellen Mobilität angeht als auch in Hinblick auf den Radius der wirtschaftlichen Kreisläufe. Relokalisierung und Entschleunigung sind die Stichworte dazu. Natürlich wird es noch Bananen geben und Reisen nach New York - nur der Preis wird wieder da sein, wo er schon einmal war: in der Luxuskategorie. Dafür haben wir das Internet, das uns virtuell am Leben - und Sterben und ja doch: auch an den Revolutionen - in anderen Kontinenten beteiligt. Wenigstens virtuell werden wir eine Welt bleiben. Think globally, act locally. Künftig wird dieser urgrüne Leitsatz so aktuell sein wie kaum je zuvor. Darauf sollten wir uns einstellen.

Zur Unterfütterung dieser Artikel vom Kollegen Illinger aus der SZ vom 29.07.2009:

"Das Ende des Erdöls kommt... unaufhaltsam"

Kommentare

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"ich will aber müssen dürfen!" sagte meine freundin katja einst bei anderer gelegnheit...
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Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 30. Juli 2009 um 08:34 Uhr